€ 10,- und dann doch nicht

Morgendämmerung in Wartenberg. Im Osten klettert die Sonne langsam über den Horizont und lacht mir zaghaft entgegen. Es wird wieder ein schöner Tag, vielleicht sogar für eine Rückfahrt mit dem Rad zu heiß.

Ab dem S-Bahnhof gibt es einen Stau bis vorne zur Falkenberger Chaussee. Nichts geht mehr. Ich weiß, dass an der Ampel bei jeder Grünphase nur eine Handvoll Autos über die Kreuzung kommt. Das wird dauern.

An einer Einfahrt kurz hinter dem S-Bahnhof springe ich auf den Fußweg, der – „soweit das Auge reicht“ – menschenleer ist. Er ist gut befahrbar und mindestens 2 Meter breit. Ich freue mich des Lebens und daran, wie ich am Stau vorbeisausen kann … bis sich mir wenige Meter später ein „Schutzmann“ in den Weg stellt. „Bitte anhalten!“ Was kann er wollen. Die Lampen brauche ich jetzt nicht, habe sie aber dabei. Kein Problem.

„Das hier ist ein Fußweg!“, sagt er. Ich blicke mit großen, fragenden Augen erst ihn an und zwinge seinen Blick dann mit meinem auf den endlosen Stau und den auch weiterhin menschenleeren Fußweg daneben. „Trotzdem! Auf dem Fußweg dürfen Sie trotzdem nicht. Dann fahren Sie links an den Fahrzeugen vorbei!“

Ich erkläre ihm, dass ich mit meinem Ausweichen auf den menschenleeren Fußweg die Situation auf der Straße entspannen will. Für mich und für die Autofahrer. „Deswegen fahre ich absichtlich auf dem Fußweg!“ Das macht die Sache nicht besser. Er lässt sich nicht beirren und bleibt bei der sachlichen Auslegung glasklarer Fakten.

Irgendwann gebe ich auf und schicke mich an, zwischen zwei Stoßstangen vom Fußweg auf die Straße zu wechseln. Ich werde ein paar Autolängen in der Mitte der Straße fahren und dann wieder auf den Fußweg hüpfen. „Nein, hiergeblieben. Den Ausweis, bitte! Ich muss Sie verwarnen. 10 Euro!“

„Nicht Ihr Ernst!“ – „Doch, natürlich!“

Er schreibt sich wirklich meine Daten auf und verwarnt mich trotz meiner guten Absicht. Ich merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Jetzt nervt mich sein Sachsendialekt ziemlich – und ich kann es wohl nicht mehr gut verbergen, halte mich aber zurück. Man kennt solche Typen. Egal!

Danach fahre ich nun doch bis außerhalb seines Sichtfeldes links neben den Autos, Bussen und LKWs im Stau und dem Gegenverkehr gefährlich nahe entgegen. Jetzt hat er ja meine Daten und legt vielleicht noch nach, wenn er mich wieder auf dem Fußweg sieht. Einmal schert kurz vor mir ein Auto aus, um sich in einer der abbiegenden Nebenstraßen eine Umfahrung des Staus zu suchen. Die Gefahr, die sich spontan damit für mich ergibt, war der Grund dafür, auf den Fußweg auszuweichen. Das war ziemlich knapp. Richtig eng wird es zwischen einem stehenden und einem entgegenkommenden LKW. Jedem Autofahrer möchte ich erklären, dass mich der „doofe B…“ hierher geschickt hat.

Bis ich auf Arbeit ankomme, male ich mir aus, was ich ihm alles hätte sagen können – und muss dabei herzlich lachen. Der Ärger ist längst verflogen. Sind ja nur 10 Euro. Und doch…!

Nur wenige Tage später erreicht mich die Post vom Polizeipräsidenten. Ordungswidrigkeit! 10 Euro Strafe! Schöne neue Welt: Der Brief enthält einen Anmede-Account und Passwort für eine schriftliche Stellungnahme zu diesem Vorfall. Das geht heute alles online. Einziges Problem dabei ist, dass die Eingabefelder allesamt nur eine sehr beschränkte Anzahl von Zeichen zulassen. Die ganze Geschichte kann ich dort leider nicht erzählen. Ich beschränke mich also auf die Fakten, kann aber trotzdem auch auf meine Motivation für die begangene Ordnungswidrigkeit (schönes deutscher Begriff) eingehen, die ich uneingeschränkt zugebe. Ich spreche aber auch kurz über die Gefahren, in die mich der engstirnige Kollege geschickt hat.

Absenden. Fertig! Abwarten!

Heute bekam ich wieder Post vom Berliner Polizeipräsidenten. Dort lese ich:

„…das gegen Sie eingeleitete Ordnungswidrigkeitenverfahren habe ich gemäß … eingestellt. … die weitere Ahndung wurde unter den gegebenen Umständen als nicht geboten erachtet.“

Vielen Dank dafür, Frau oder Herr G. von der Bußgeldstelle.

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