Vor ein paar Monaten war ich mit dem Rennrad in Brandenburg unterwegs. Immer am Kanal entlang zwischen Liebenwalde und Zerpenschleuse. Superglatter Asphalt mitten durch den Wald. Links und rechts frisches Grün. Atme tief ein und aus. Herrlich!
Langsam fahre ich auf einen anderen Sportler auf. Etwas älter, aber offenbar gut in Form. Teures Rad. Unaufällig, zeitlos, mit Namenszug des Fahrers neben der Deutschlandfahne am Oberrohr. Cool. Wir fangen eine bisschen an zu plaudern. Er erzählt nach wenigen Augenblicken, dass er im Vorruhestand ist und deswegen viel unterwegs ist: „…muss man nur den richtigen Arbeitgeber haben! Im Sommer viele Touren auch als Guide. Im Winter locker 7.000 Kilometer mit Swift!“ Von den vielen Touren kennt er Hinz und Kunz, nennt einige Namen, die ich als Radfahrer bestimmt kennen sollte. Ich nicke.
„…locker 20.000 Kilometer…“ macht er im Jahr. Er hat ja Zeit. Ich bin beeindruckt – und auch ein bisschen genervt, denke mir aber, ja, so könnte ich mir meinen Vorruhestand auch vorstellen. Nach ein paar Kilometern trennen sich unsere Wege. „Gute Fahrt!“ Nummern tauschen wir nicht aus.
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Einige Monate später bin ich zum Radfahren auf Mallorca. Wetter top, fast ein bisschen zu warm. Heute geht’s über den Orient. 140 Kilometer und einiges rauf und runter. Es sind ein paar neue Leute in der Gruppe. Einer das klassische Schweizer Klischee: Ex-Banker aus Zürich im Ruhestand. Super „in shape“. Teure Klamotten, aus denen braune Beine und Arme gucken. Bei den Pausen bezahlt er seinen Kuchen mit einem Hunderter. Kein Witz! Die Chefin der Bar kennt er persönlich, man begrüßt sich mit Küsschen und Umarmung – und hält Smalltalk auf Französich. Auf Mallorca!
Nach einigen Kilometern gehen wir in die Zweierreihe. Ich fahre neben einen ebenfalls etwas älteren Herren auf. Offenbar gut in Form! Eigenes Fahrrad, nicht geliehen. Teuer, aber unauffällig.
Seine erste Frage: „Na, wie viele Kilometer machste im Jahr?
Ich druckse rum: „Na ja, ich versuche so…“
„Na, bei mir sind es schon so 20.000!“, sagt er. Ich bin erstaunt. Das ist viel. Wie schafft man das? Ich frage nach.
„Musste eben den richtigen Arbeitgeber haben!“
Ich habe Ohrenklingen, aber der Groschen fällt nicht sofort.
„Im Sommer viele Touren – auch als Guide, im Winter locker 8.000 mit Swift! Habe eben viel Zeit, bin viel unterwegs.“, erklärt er weiter. Schnell erwähnt er einige Namen aus der Szene, die ich noch immer nicht kenne.
Jetzt sehe ich genauer hin, krame in meinem Gedächtnis und finde.
Mich erkennt er nicht. Ich gebe mich nicht zu erkennen. Am nächsten Tag fährt er in einer anderen Gruppe.