Zufällige Begegnung 1

Die Firma, bei der ich nun seit 1999 beschäftigt bin, sitzt auf dem WISTA- Campus in Adlershof. Aus heutiger Sicht verblüfft es schon, wenn man bedenkt, dass nur 10 Jahre früher die DDR am Ende der Rudower Chaussee kurz hinter dem Teltowkanal zu Ende war! Damals fuhr man über die Wredebrücke – wenn man überhaupt so weit kam – und konnte dort lediglich links in die Rudower Straße Richtung Altglienicke abbiegen. Zwischen dem Teltowkanal und dem Eisenhutweg stand die Mauer. Heute gibt es auf dem ehemaligen Mauerstreifen die A113, der man direkt am Teltowkanal einen schnellen Radweg zur Seite gelegt hat.Der Wissenschaftsstandort (WISTA) in Adlershof war bis zum Fall der Mauer und noch ein paar Augenblicke länger der Campus der Akademie der Wissenschaften der DDR. Wir kannten das aus den Erzählungen unseres Vaters, weil auch unsere Eltern bei der AdW der DDR beschäftigt waren. Weit entfernt vom Lichtsmog der Stadt halfen sie in der Provinz beim Empfang von Daten in einer Satelliten-Bodenstation. Unser Vater fuhr mindestens einmal in der Woche mit den Chefs nach Adlershof und erzählte dann von seinen Abenteuern aus der Hauptstadt. Wir hörten das gerne, waren aber am glücklichsten, wenn es bei seiner Heimkehr Schokomilch in Papppyramiden und Hartgummitiere, -Cowboys oder -Indianer gab. Meistens kam er aber sehr spät. Noch heute erzählt er vom ewigen Feierabendstau, wenn sich „alle Kollegen“ (Das Gender-Sternchen gab es damals noch nicht!) um Punkt 16:30 Uhr von der Rudower Chaussee – vorbei am Wachregiment Feliks Dzierzynski – auf das Adlergestell quälten. Unter der S-Bahn soll es damals ein Pförtnerhäuschen gegeben haben, an der sich ein jeder an- und abmelden musste.

Im Jahr 2020 kann man nun also sehr gut und ziemlich fix parallel zur A113, aber geschützt hinter einer haushohen Lärmschutzwand, Richtung Mitte radeln – und skaten. Unter der Brücke, auf der die A113 den Zubringer und den Radweg überquert, wechsle ich ebenfalls über das Ernst-Ruska-Ufer und nehme auf dem glatten Asphalt langsam Fahrt auf. Links unter mir das Wasser des Kanals, der bestimmt viele dramatische Geschichten erzählen kann; von den Autos rechts neben mir weiß ich, dass sie bald hinter der Wand verschwinden; die Bäume am Kanal wiegen sich entspannt in einer leichten Brise aus unsichtbarer Richtung.

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Langsam fahre ich auf eine Skaterin auf, die noch die letzten Handgriffe an ihre Ausrüstung legt. Man sieht ihr an, dass sie oft mit den Skates unterwegs ist. Ich habe sie fast erreicht, als sie ebenfalls Fahrt aufnimmt. Ich bleibe dran und gehe schon jetzt „all-in“. Es sollte mir wohl gelingen, eine Skaterin mit dem Rad zu überholen! Mit langen, ruhige Schwüngen – links und rechts – und mit starken Armzügen wird sie immer schneller. Ich bleibe dran, habe den Kampf aufgenommen. Sie lässt etwas nach, was mir die Chance gibt zu überholen. Ich fahre an ihr vorbei und nehme mir vor, ihr dezent und charmant ein Kompliment zu machen. „Hut ab! …“ will ich sagen, lass es aber, als ich erkenne, dass es Deutschlands und lange Zeit auch der Welt beste Eisschnellläuferin der Mittel- und Langstrecke ist.

Irgendwas sage ich dann doch noch, und gnädig, aber sympathisch schenkt sie mir ein Fan-Lächeln. Vorne fährt sie auf ihre Trainingsgruppe auf. Man nimmt den Druck raus, begrüßt sich herzlich und ausgiebig. Ich nutze die Chance, mich schnell und weit aus dem Staub zu machen, damit die mich im Team nicht gleich noch komplett „zerlegen“.

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