
Anfang März, unterwegs aus dem Büro in Adlershof nach Pankow. Es ist kalt, aber in der Sonne fühlt es sich gut an. Ich bin gut eingepackt, habe Musik im Ohr und nach dem hektischen Verkehr in der Dörpfeldstraße schnell die Wuhlheide, später die Biesdorfer Idylle um mich. Läuft!
Nach genau zehn Kilometern geht es ziemlich steil über die U5. DA muss ich etwas fester treten. Am Sportplatz merke ich, dass das Tretlager oder die Kurbeln oder die Pedale wackeln. Sicher nicht so wild. Das Rad fürs Büro kommt langsam in die Jahre. Es ist Baujahr 2006, aber die Rohloffnabe tut noch immer überzeugend und wartungsarm ihren Dienst – und macht es mir unmöglich, mich von diesem Rad zu trennen. Eigentlich… Der Steuersatz hat entweder Spiel oder sitzt zu fest, freihändig fahren traue ich mich schon lang nicht mehr. Die Kette kann ich kaum noch spannen, da die Langlöcher in den Ausfallenden eher liegenden Achten ähneln. Kürzlich musste – mit roher Gewalt – das Innen-Gewinde für das Tretlager neu geschnitten und das Innenlager ersetzt werden. Sah erst gar nicht gut aus, ging dann aber doch. Da stand der Rahmen kurz vor dem Aus. Mit den ausgenuckelten Gewindebuchsen im Rahmen für den Gepäckträger komme ich noch zurecht, auch wenn der Gepäckträger eigentlich nur mit drei Mini-Schrauben befestigt ist. Die Federgabel ist eine Starrgabel mit zu viel Gewicht, die provisorischen Schutzbleche sehen Kacke aus! Im letzten Jahr habe ich endlich die 26-Zoll-Räder, für die es kaum noch Reifen gab, gegen 27,5er getauscht. Seitdem hat es weniger den Anschein, als hätte ich einem Grundschulkind das Rad geklaut. Aber die Schaltung macht weiter, als ginge sie die Not im System um sie herum nichts an.
Ein paar feste Tritte später merke ich, dass da unten tatsächlich etwas Spiel hat – mehr als sonst. Bis zum Radladen an der Kreuzung Alt-Biesdorf schaffe ich es noch. Die Leute helfen mir wie immer ganz fix und super nett und gratis, aber wie immer ist auch ein bisschen Meckern dabei, warum ich das falsche Innenlager für die Tretachse fahre. „Das hat doch Spiel! Kannst doch nicht irgendein Innenlager einbauen!“ Ich sage dazu nichts und gebe mich kleinlaut. Natürlich hatten Lager und Achse bislang kein Spiel, wurden passend zueinander beschafft. Das Tretlager für € 12,99 war nur leider das einzig passende, das ich finden konnte. Wer billig kauft, …
Für den Augenblick gerettet schnappe ich meine Radtasche, schnalle sie fix an den Gepäckträger, mache die Musik in den Ohren wieder laut und setze meine Heimfahrt fort. Im Ohr fragt Placebo „What’s wrong with this picture?“ Diese Playliste ist eher etwas für den oberen Belastungsbereich. Ich muss wohl etwas hektisch unterwegs sein, ein paar Leute gucken mich merkwürdig an. Wenig später muss ich an der Bahnschranke mit vielen anderen zwei Züge abwarten, dann geht es aber wirklich weiter. Ich schlängele mich durch die Fußgänger und Radfahrer, die sich losbewegen, als die Schranke die ersten Zentimeter an Höhe gewonnen hat. Ich natürlich vorne weg, ziehe den Kopf ein und passiere den Schlagbaum vor allen anderen. Yeah!
Jetzt kommt der schönste Teil der Tour, schnurgeradeaus durch die riesige Einfamilienhaussiedlung von Biesdorf. Ich gucke noch einmal zum Tretlager runter, ob noch alles dran ist … und bemerke dabei, dass ich meine Radtasche nicht mehr am Träger habe! Holy…!!!
Ich drehe um und scanne die Weg zurück nach rumliegenden Gepäckstücken. An der Schranke muss ich schon wieder zwei Bahnen abwarten und überlege mir, was mit der Tasche passiert sein könnte, wenn ich sie auf den Gleisen verloren habe. Dabei mache ich mir die meisten Sorgen um meine Ausweise und den Aufwand, alles neu zu besorgen; viel mehr jedenfalls als um das Arbeits-Notebook! Als sich die Schranken öffnen, fahre ich viel langsamer als zuletzt über die Gleise und suche nach Teilen meines Gepäcks. Nichts! Ich folge exakt der Route, die ich wenige Minuten zuvor gekommen bin, wo es geht werfe ich Blicke unter und zwischen die Autos. Weiter nichts! Ich bin fast wieder beim Radladen, als mich auf der Oberfeldstrasse ein Mann anspricht, ob ich eine Tasche verloren hätte. JA! Er hat gesehen, wie ich sie verloren habe, und sogar gehupt und gerufen. Habe ich nicht gehört. Was die von mir denken müssen, ist mir egal. Ich bin happy und dankbar, dass ich sogar meinen Rechner wieder habe. Ich frage ihn, der mit leichtem osteuropäischen Akzent spricht, ob er etwas bekommt. Er lehnt ab und fordert mich stattdessen auf zu überprüfen, ob noch alles in der Tasche ist. Natürlich ist alles da, und wenig später, als ich wieder an der Schranke stehe, erneut zwei Bahnen abwarten muss, dabei aber die Radtasche nicht aus den Augen lasse, ärgere ich mich, dass ich ihm nicht einfach einen Schein für die Spardose seiner Kinder in die Hand gedrückt habe. So ein netter Mensch!
Die Tasche sitzt jetzt bombenfest. Ohne Hektik, ganz in Ruhe eingeklickt kann ich mit der Radtasche das Fahrrad wegtragen. Springt man aber wie ein Berserker auf und lässt sich von Brian Molko dabei ins Ohr brüllen, …! Während der restlichen 25 Kilometer schaue ich mehr auf die Tasche und auf meinen Schatten mit der Tasche als auf die Wege und Straßen vor mir. Das passiert mir nicht wieder!
Zuhause stelle ich fest, dass das Tretlager noch mehr Spiel hat als in Biesdorf. Ist es Zeit für was Neues?