Nach der Arbeit im HomeOffice schnell auf’s Rad. Feierabendrunde. Es sind die ersten warmen Tage, an denen auch der frühe Abend schon angenehm lau bleibt, und man es wagen kann, bis knapp in den Sonnenuntergang hinein unterwegs zu sein. Es geht durch die Berliner Vororte in Richtung Germendorf und weiter von Norden durch Oranienburg und Lehnitz – auch vorbei an den Rollrasen-Auen bei Leegebruch, wo feinster, neuer Rasen auf riesigen Flächen darauf wartet, geschält und auf Fußballplätzen oder in privaten Gärten verlegt zu werden.
Zuhause war ich mit dem Reifendruck noch ganz zufrieden, unterwegs bekomme ich das Gefühl, vielleicht ein oder zwei Bar zu wenig Druck im Hinterrad zu haben. Eine Kartusche will ich dafür nicht verbrauchen und mit der Mini-Handpumpe würde ich wahrscheinlich eher Luft ablassen als einfüllen. Ich erinnere mich an einen Radladen in Hohen Neuendorf – direkt an der Straße.
Ich, beim Betreten – das Betätigen einer Standpumpe imitierend: „Hallöchen. Habt ihr eine gute Pumpe.“
Er: „Nein, aber für einen Euro pro Rad pumpe ich es dir mit dem Kompressor auf.“
Ich, erstaunt: „Na dann, Tschüss!“
Ich fahre weiter, erinnere mich, dass es in Hennigsdorf einen anderen Radladen direkt an der Hauptstraße gibt. Schaffe es dorthin gerade so kurz vor Feierabend.
Ich, zögerlich: „Habt ihr eine gute Pumpe oder kostet Pumpen bei euch auch etwas?“
Er: „Ja, mit dem Kompressor zwei Euro. Ich kann dir aber auch eine Handpumpe geben.“ Er kramt unter dem Ladentisch eine Pumpe aus den Neunzigern raus, die man damals in den Rahmen geklemmt hat und die natürlich nur eine Ventilgröße kennt.
Ich: „Ernsthaft? Ich brauche vielleicht ein/zwei Bar oben drauf. Die kriege ich mit dem Ding sicher nicht hin.“
Er, mit der Pumpe ein paar Stöße in die Luft machend: „Doch, das schafft die.“
Ich: „Eh, Leute, das ist doch nicht euer Ernst, dass ihr für das Luftpumpen Geld verlangt. Ich habe doch kein Kleingeld im Trikot für diese Fälle!“
Er: „Doch! Ihr müsst bedenken, dass wir da ja auch einen Arbeitsaufwand haben.“
Ich, zweifelnd und bereits den Laden verlassend: „Was verdient ihr in der Stunde, wenn ihr für weniger als eine Minute Arbeit zwei Euro verlangt?“
Oh je, der Berliner Speckgürtel hat nicht nur eine neue politische Farbe für sich entdeckt – beide Kollegen machten auf mich diesen Eindruck, aber ja „Don’t judge a book by its cover!“ -, sondern auch den Kapitalismus. Bezahlen für’s Luftpumpen ist mir neu! Unterwegs kommen mir noch weitere Fragen in den Kopf, die man hätte erörtern können: Gibt es für diese Leistung dann auch eine Quittung? Geben die das dann ordnungsgemäß beim Finanzamt an? Warum rechnen sie beim Luftpumpen in Minuten, beim Reparieren aber in Stunden? Ließe sich bei diesen Preisen aus „Luftpumpen“ ein Business-Case kreieren? … Oder bin in ich hier das Problem, wenn ich „in diesen Zeiten“ gratis Luftpumpen erwarte?
Schön, dass neuerdings an vielen Orten in den Städten Rad-Stationen mit guter Pumpe und Werkzeug aufgestellt werden. Danach im Brandenburgischen zu suchen, fehlt mir heute aber die Zeit. Der Abend naht.

Es ist dann doch noch ein sehr schöner Abend, auch ohne zusätzliche Luft im Hinterrad. Mit langem Schatten – Sonne und Wind im „Auspuff“ – geht es auf leeren Straßen zurück nach Hause. Durch die noch blattlosen Wälder dringt die späte Sonne bis zum hellen Braun des letztjährigen Laubs und zum frischen Grün, das sich ganz zaghaft für den nahen Frühling zurückmeldet.