
Nach der Arbeit zuhause ging es am Nachmittag noch einmal in großem Bogen um Oranienburg. In Basdorf fahre ich seit einiger Zeit immer lieber am Bahnübergang rechts ab, erspare mir die Hektik an den Ampeln der Ortsdurchfahrt und fahre stattdessen durch die ruhige Wohnsiedlung am Bahnhof und weiter am Bahndamm der Heidekrautbahn. Ich komme hinter der Tankstelle am Ortsausgang Basdorf in Richtung Berlin (!) auf die Hauptstraße und wechsle dann auf den Radweg auf der anderen Straßenseite. So lief es heute auch. Ich ließ einem Radler auf der Hauptstraße Platz und den Vorrang, damit er ebenfalls leicht und sicher auf den Radweg wechseln konnte. Er fuhr dann etwa zehn Meter vor mir. Ich holte ohne Hast schnell auf. Nach fast drei Stunden auf dem Rad stand mir der Sinn nach einem Pläuschchen. Er war nicht sonderlich schnell unterwegs, etwa 32 km/h. Ich schloss also auf, fuhr nur wenige Sekunden schräg hinter ihm und wollte mich gerade mit irgendetwas Verbindendem (unter Radl-Bros) an ihn wenden, als ich sah, wie er den Kopf schüttelte. Er blickte dann noch einmal über die Schulter und schüttelte erneut den Kopf.
„Warum schüttelst du denn den Kopf, wenn ich hinter dir fahre?“, sprach ich ihn an.
„Weil man erst fragt!“, motzte er mich an.
„Man muss erst fragen???“ Das hatte ich noch nie gehört.
„Seit Corona fahrt ihr jetzt alle Fahrrad und habt keine Ahnung.“, motzte er weiter. Er kannte mich gut.
„Ich fahre jetzt seit dreißig/vierzig Jahren Fahrrad, aber so einen Unsinn habe ich noch nie gehört.“ Darauf sagte er erstmal nichts.
Nein, er war nicht verrückt, also nicht im klinischen Sinne. Das glaube ich nicht. Er war irgendwas zwischen 30 und 40, hatte einen flotten Hipster-Vollbart, sah ganz gut aus. Die Klamotten waren ausgesucht und teuer, das ziemlich neue Rad war es auch. Aus der Hose und dem Trikot staken storchdünne Arme und Beine. Er war nicht wirklich aggressiv, sondern einfach nur ein super arroganter, kleiner P… Als mir das nach zwei bis drei weiteren Sekunden so richtig klar wurde, wollte ich ihn das natürlich wissen lassen und setzte mich nochmals schräg neben ihn.
„Was ist los mit dir. Wie arrogant ist es denn, mir zu sagen, dass ich jetzt seit Corona Fahrrad fahre, und mir etwas von Regeln und Anmeldungen am Hinterrad zu erzählen. In welcher Welt lebst du denn.“
„Na, jedenfalls in Berlin, anders als du!“. Wieder falsch!
Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich in Schönwalde noch immer knapp hinter ihm fuhr. Wie gesagt, er hatte kein UCI-Tempo drauf. Ich wollte an der Dorfkirche nach Mühlenbeck abbiegen. Ich zeigte es an, kurz bevor er über die Schulter sah und ebenfalls rechts abbog.
„Ja, ich muss auch hier lang.“, sagte ich.
„Jetzt halt doch einfach deine Fr…!“, kam von ihm.
Ganz kurz hatte ich wieder diese bösen Teenager-Anwandlungen. Ich widerstand und hörte einige Minuten auf zu treten, während ich im Geiste schon diesen Text formulierte und das Foto oben machte. Schreiben hilft! Die Persönlichkeitsrechte sollten gewahrt sein.
Ich fuhr dann entspannt über das Vorwerk an der A10 und durch Buchholz nach Berlin. In der Schönhauser Straße sah ich zufällig in die Grumbkowstraße und erkannte ihn kurz vor der Einmündung. Wo hatte er sich so lange rumgetrieben? Ich wurde dann sehr langsam und ließ ihn mich überholen.
„Na, wollen wir das nochmal erörtern … oder haste Schiss?, fragte ihn etwas arrogantes Achtzehnjähriges in mir. Er schüttelte nur angewidert den Kopf und fuhr davon.
PS: Wer die Goldene Regel beim Freizeit-Radfahren auf der Straße, sich am Hinterrad eines Vorausfahrenden anzumelden und um eine Einladung zu bitten, ebenfalls kennt, lässt es mich bitte wissen. Ich freue mich weiterhin über jeden, der zu mir aufschließt und für eine kleine Unterhaltung neben mir bleibt, bevor er wieder Gas gibt.