Eine Panne macht noch keine Story…

…aber viele Pannen machen viele neue Freunde.

Nach einem langen Tag in der HomeOffice mache ich mich gegen 18:00 Uhr auf dem Weg. Drei Stunden mit dem Rennrad durch den lauen Abend eines wieder ziemlich heißen Tages. Ich merke schnell, dass der dickste Verkehr schon durch ist und komme sehr zügig aus der Stadt.

In Mühlenbeck biege ich rechts in Richtung Schönerlinde ab. Ach nee … ich merke, wie das Hinterrad leicht aus der Spur läuft. Wenig später spüre ich die Felge auf dem Asphalt und muss anhalten. Gleich finde ich die Ursache: Eine kleine Metallkrampe hat sich in den Reifen gebissen, und nachdem ich sie aus dem Reifen gezogen habe, zischt auch noch der Rest Druck davon. Problem erkannt!

Ich tausche routiniert den Schlauch und passe – wie immer – sehr darauf auf, dass es nicht noch andere Fremdkörper zwischen Schlauch und Reifen gibt. Alles gut. Ich nutze zum Aufpumpen immer eine Druckkartusche, habe also nur einen Versuch. Es klappt, und der Hinterreifen ist schnell wieder prall und eingesetzt.

Eine Dame biegt genau bei mir mit dem Rad von der Straße auf ihren Hof ab, bleibt aber noch kurz bei mir stehen. Sie sieht, dass ich schwitze und dass dieser Halt hier bei ihr nicht geplant war. „Ach, Sie Armer!“ „Alles schon wieder gut. Bin fertig. Weiter geht’s.“ „Na, dann Gute Fahrt“. Nett, denke ich.

Ich nehme wieder Fahrt auf und bemerke ein rhythmisches Stoßen. Der Reifen ist nicht ganz in die Felge gerutscht und demnach nicht perfekt rund. Ich halte kurz an und fummle etwas am prallen Reifen rum, kann aber nichts am Zustand ändern. Zuhause würde ich dem Reifen noch mehr Druck geben, bis er in die Felge springt. Geht hier nicht. Habe keinen weiteren Druck dabei. Ich muss mir irgendwo eine richtig gute Pumpe organisieren. Ich fahre weiter und halte Ausschau nach Eigentümern gut sortierter Garagen und Häuser an der Strecke.

Wenig später ist der Reifen freiwillig in die Felge gerutscht und ich nehme wieder Fahrt auf. Ohne einen weiteren Schlauch, mit nur einem Notflicken, aber ohne Pumpe fährt man quasi „auf Bewährung“. Weiß das der Reifen eigentlich und fühlt nun seine Macht???

Zwischen Gorinsee und Schönow … nee, bitte nicht! Ich merke wie langsam wieder der Druck im Hinterrrad verloren geht. So eine K… Es wird langsam schlimmer. Ich brauche jetzt dringend eine starke Pumpe. Meine schwache Hoffnung ist, dass sich durch das Springen des Reifens in die Felge das Volumen geändert hat. Kurz vor Waldfrieden fahre ich auf einen Herren mit Gepäcktaschen auf. Eine „gute Pumpe“ hat er nicht, nur eine kleine. Nee, die bringt es jetzt nicht. Ich danke und fahre weiter. Wenig später muss ich aber doch anhalten und auf Fahrer mit einer „guten Pumpe“ warten. Der ältere Herr von eben kommt langsam heran und hält neben mir an. Er sucht wortlos sein Pümpchen raus und hält mir das Rad, während ich meinen Puls mit Mikro-Pumpbewegungen in den hellroten Entwicklungsbereich bringe. Es wird. Sehr mühselig. Aber ich kann mit neuer Hoffnung wieder aufsteigen und es erneut versuchen. Netter Kerl, denke ich und fahre dankbar winkend davon.

Die Hoffnung ist manchmal eine „blöde Kuh“!

Ich komme bis zur Hauptstraße und spüre schon wieder den Kontakt der Felge zum Asphalt. Verdammte K…! Ich halte an der ersten Bank und mache mich dran, den neuen Schlauch wieder aus dem Reifen zu holen. Das geht schnell. Gut, wenn der nächste Radler mit einer Spitzen-Pumpe vorbeikommt, will ich den Flicken auf dem Schlauch haben. Ich habe den Schlauch in der Hand, kann aber das Loch nicht finden. Es ist kaum noch Luft im Schlauch, die ich aber hin und her durch den Schlauch schiebe, ohne das Loch zu finden. Da kommt der ersehnte Radler, und er sieht nach gutem „Zubehör“ aus. Auf jeden Fall stimmen schon mal die Namen der Ausrüster auf unseren Rahmen und Teilen. Da kommt man sich schnell näher. Und die Pumpe stimmt auch. Mit etwas mehr Luft im Schlauch finden wir dann zusammen das Loch. Ich klebe einen Flicken drauf, die er auch benutzt, baue wieder alles zusammen und drücke – mit dem Gerät nicht ganz so schnell im Stress – ordentlich Luft in den Pneu.

„Wo willst du jetzt noch hin?“, fragt er mich. Ich bin jetzt wieder voller Elan, habe bislang ja nur etwa 20 Minuten verloren. „Lanke, Prenden, Klosterfelde und zurück. Mal sehen.“, sage ich. „Hhm, eigentlich heißt es, nur noch bis nach Hause mit diesen Flicken!“, gibt er zu Bedenken. Das war auch ein netter Kerl, der aber schon mal davoneilt, weil er es heute kurz und heftig machen will. Hätte ich mal auf ihn gehört!

Geplant ist geplant! Ihr kennt das. Die Luft hält und ich biege hinterm Liepnitzsee nicht nach Hause, sondern in Richtung Ützdorf ab. Das war falsch! Da gibt es ein paar hundert Meter mit ziemlich altem und rauem Belag. Da muss es passiert sein. Als ich runter zum Jägerhof rolle, beschleichen mich erste Zweifel. Vielleicht bilde ich es mir aber nur ein. Weiter geht’s in Richtung Lanke. Aber beim Parkplatz am Ortsausgang muss ich es einsehen, umdrehen und bei den Radlern auf der Jägerhofterrasse nach einer Pumpe fragen. Was für eine K…! Meine Theorie ist nun, dass der Notflicken in Not ist, meine Hoffnung ist, dass ich mich mit einigen Pumpintervallen nach Hause retten kann. Es sind allerdings noch mehr als 30 Kilometer, und es fängt langsam an zu dunkeln. Mit geschultem Auge finde ich auf Anhieb das nette Pärchen mit der inordnungen Pumpe. Wieder juckel ich mit vielen Mikrobewegungen Luft in homöopatischen Dosen in meinen Reifen, bis es meinen gesunkenen Ansprüchen genügt. Die beiden wünschen mir viel Glück, da bin ich aber schon fast aus dem Ort raus, weil es jetzt schnell gehen muss. Sehr nett die Beiden, denke ich.

Schnell geht es auch mit meinem Hinterrad – dahin! Schon am Ende des kleinen Anstieg Richtung Wandlitz merke ich, dass es nichts wird. Ich rolle noch ein Stück, steige dann aber ab und – die größte Erniedrigung – schiebe das Rad bis zum Abzweig nach Bogensee. Hier kommt jetzt keiner vorbei, ohne mir seine Pumpe gezeigt zu haben. Ich überlege ein bisschen hin und her und entschließe mich dann, den Notflicken zu erneuern. Das soll meine Chancen vergrößern, wenn die Pumpe kommt. Es wird langsam Abend. Es kommen kaum noch Autos vorbei, besonders aber keine, in die sich problemlos ein Fahrrad legen ließe. Trotzdem hält eine Dame mit einem der kleinsten Autos an, das ich je gesehen habe. Sie denkt trotzdem kurz nach, ob das irgendwie passt. „Nee, das wird nichts!“, sage ich dann. Eine Pumpe hat sie nicht dabei. Trotzdem guckt sie nach meiner ironisch gemeinten Frage kurz hinter dem Fahrersitz nach. Total nett, dass sie trotzdem angehalten und zu helfen versucht hat. Wenig später kommt ein riesiger schwarzer Sprinter, dessen ziemlich tätowierter Fahrer sofort anhält, aussteigt und die Lösung parat hat: „Bis Wandlitz kann ich dich mitnehmen. Fahren dort zum Italiener zum Essen. Von dort kommste bestimmt weiter.“ Er hat offenbar Hunger, nimmt fix den Rahmen ohne Hinterrad und legt ihn hinten rein. Ich habe Not, alle Teile, Werkzeuge, Helm und Brille zusammen zu sammeln und einzusteigen. Super nett sind er und seine hübsche Freundin im Bikini trotzdem. Er will während der kurzen Fahrt so einiges über das Radfahren in Brandenburg wissen und erzählt, dass er den riesigen und sehr modern ausgestatteten Sprinter demnächst zum Wohnmobil ausbauen will. Ja, kann ich mir echt gut vorstellen. Auf dem Parkplatz im Wandlitz setzt er mich und meine Einzelteile dann wieder ab und winkt nett zum Abschied. Cooler Typ!

Immerhin bin ich nun schon in Wandlitz und eigentlich direkt an der Straße, die für mich bis nach Hause führen könnte. Noch immer sind es aber 25 Kilometer. Ich irre etwas im Ortskern herum, kann aber keine guten Pumpen-Typen finden. Der Radbahnhof hat schon seit Stunden geschlossen. Eine Leihpumpe gibt es dort nicht. So gehe ich langsam Richtung Ortsausgang, in der Hoffnung, in einem der Gehöfte an der Straße jemanden mit Mega-Pumpe zu finden. Auf der Straße schnarrt plötzlich ein teurer Leerlauf vorbei, dem ich nachrufe „Hast du eine Pumpe?“ Hat er und auch noch einen Schlauch, den er mir schenkt. Das ist nicht einfach nur nett … dass ist so geil, meine Rettung, mein Rutsch nach Hause, mein guter Ausgang einer „durchwachsenen“ Tour.

Er hat auch Zeit, ist am Ende seiner 100-Kilometer-Tour und hat nur noch fünf Kilometer bis Basdorf. Ich kann also in Ruhe den Schlauch tauschen und mit seiner Mini-Pumpe – „500 Stöße brauchst du schon“ – auf akzeptable Befüllung bringen. Wir plauschen nebenher ein wenig über die Touren und fahren dann noch bis zu seinem Abzweig in Basdorf zusammen. Er will nichts für den Schlauch, auch wenn es leicht wäre, das direkt oder später über PayPal zu machen. Er meint, dass ich dann bestimmt beim nächsten Mal ihm oder jemand anderem meinen Schlauch schenken würde. So möchte er die Welt ein bisschen besser machen. Guter, guter Mensch! Genau mein Ansatz seit Jahren, der nun endlich wieder auf mich zurückkommt. Ich hoffe für ihn das Gleiche.

Okay, die schöne Tour im lauen Sommerabendlüftchen ist gelaufen, aber ich kann sie jetzt noch schön ruhig nach Hause bringen … denke ich. Ich komme noch gut durch Schönerlinde aber – ihr ahnt es – kurz vor der Autobahn stehe ich wieder und kann nicht mal mehr fluchen. Zwei Radler halten noch an, wieder so nette Typen. Der eine beginnt gerade – es war etwa 21:00 Uhr – seine 3h-Tour mit beeindruckendem Rad und Licht wie an einem Truck, der andere fährt erst an mir vorbei, macht dann aber nochmal kehrt und kommt zu mir zurück, ob er mir vielleicht irgendwie helfen könne. Auch wenn ich da schon meinen Freund Kai herbeigerufen habe, der gerade ankommt, um mich aus dieser Tortour zu erlösen, bin ich dem Radler so dankbar für diese Geste. Pumpen will ich nicht mehr, und auch auf einen weiteren geschenkten Schlauch hätte ich dankend verzichtet.

Alle, denen ich an diesem Abend begegnet bin, sind einfach nur super nette, hilfsbereite und geile Typen. Der Fahren des Sprinter hatte mich noch gefragt, ob es heutzutage nicht sehr schwierig sei, auf der Straße oder in den brandburger Örtchen Hilfe zu bekommen. Nee, überhaupt nicht. Ich habe schon so viele nette und hilfsbereite Leute auf den Touren kennengelernt, die ihre Haushalte nach Flickzeug, Pumpenadaptern und Werkzeugen durchsucht und die nicht einfach nur Leitungswasser, sondern das gute Mineralwasser in meine Flaschen gefüllt haben!

Danke!

Auflösung: Nachher habe ich rausgefunden, dass ein Glassplitter im Mantel festsaß, der erst bei bestimmten Neigungen oder Stößen bis zum Schlauch vorgedrungen sein muss – dann aber nachhaltig. Alle Schläuche des Abend hatten ein Loch an dieser Stelle, die nicht diejenige des ersten Defekts in Mühlenbeck war. Alle meine Bemühungen mit den Notflicken und dem Gepumpe unterwegs waren also sinnlos.

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