Ich mag den Herbst!

Ich mag auch den Frühling sehr und den Sommer ganz besonders und auch den Winter. Aber gerade jetzt mag ich den Herbst am meisten.

„Jetzt“ ist die kurze Zeit zwischen dem sterbenden Sommer und den kahlen Bäumen, in deren Ästen sich Krähen laut lamentierend um karge Kost zanken. Gerade eben noch rankten die langen Arme der Brennnesseln auf die Fahrspuren der Waldwege, nun liegen sie kraftlos am Boden und wollen mich nicht mehr brennen. Das gestern noch grüne Farn ist heute braun und schrumpelig geworden und kann dem Nebel keine Wassertropfen mehr abatmen. Die Bäume ziehen die grünen Kräfte und Säfte aus ihren Blättern zurück und überlassen sie dem schwelgerischen Farbwechsel, der uns ergriffen aufblicken lässt. Wenige Tage später stoßen sie sie dann vollends ab. Auf dem Boden bilden sie bald einen dichten gelbbraunen Teppich, der alle Flächen im Walde gleichmacht und dem Gravel auf den Wegen für einen Augenblick gedämpft das Ruppige nimmt.

Die Schatten werden am Nachmittag länger und länger und meiner verzerrt sich zu einem dahineilenden Vexierbild. Die Sonne im Rücken spornt an, das Unmögliche zu versuchen, den eigenen Schatten zu überholen. Das Licht wird magisch und verzaubert die Landschaft, die sich noch mehr als im Sommer fotogen zeigt. Bald gewinnen die Schatten über das Licht. Während im Osten schon die Nacht herrscht, wehrt sich im Westen noch chancenlos das letzte Licht der untergehenden Sonne in atemberaubendem Farbverlauf.

Kurz darauf wird es dunkel, und manchmal lasse ich mich von der Dämmerung überraschen und freue ich mich über gute Beleuchtung. In der Dunkelheit unterwegs zu sein, entwickelt einen besonderen Reiz. Geschwindigkeiten wirken anders, wenn man nicht gut erkennen kann, was genau da vorbeihuscht. Die Aufmerksamkeit ist angespannt, die Sinne geschärft, weil alles nur wenige Augenblicke sichtbar ist, bevor es mir das Vorderrad verreißen oder nach meinen Füßen schnappen kann.

Mit der Off-Season ist auch die Ruhe zurück in den Revieren. Und manchmal legt sich auch der Wind zur Ruhe und erlaubt der Zeit, für Augenblicke stillzustehen. Dann ist nur die eigene Bewegung, der eigene Atem, der eigene Körper zu vernehmen – und man ist ganz bei sich und in der Natur.

Ich mag den Herbst, weil er nicht nur schwelgt, sondern auch Melancholie und Poesie zulässt.

Ein Kommentar zu “Ich mag den Herbst!

  1. Super! Gestern dachte ich ähnlich auf dem Rad, ich mag den Herbst und auch kühlere Temperaturen beim radeln, wahrscheinlich lieber als im Hochsommer fahren!

    Michael Stanislawiak Siegfriedstrasse 24 13156 Berlin 0172 2659531

    bikel

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Michael Stanislawiak Antwort abbrechen